Renate empfängt mich in einer Wohnung am Stuttgarter Killesberg, in der das Licht fast immer Süden ist. Auf dem Klavier steht ein Foto von Thomas, ihrem ersten Mann, der mit 57 an einem Pankreaskarzinom gestorben ist. Daneben, etwas kleiner und an einer anderen Stelle, ein Foto von Matthias, ihrem zweiten Mann, mit dem sie seit zweieinhalb Jahren verheiratet ist.
„Die Bilder stehen bewusst nicht nebeneinander", sagt sie. „Thomas gehört auf das Klavier, das er gebaut hat. Matthias hat seinen eigenen Platz. Das ist keine Kälte. Das ist eine Ordnung, die uns beiden gut tut."
Die ersten Monate waren nicht erkennbar als Leben
Sie war 58, als Thomas starb. Vier Monate hatte die Diagnose gedauert. „Am Tag nach der Beerdigung habe ich eine Stunde lang den Kühlschrank angestarrt. Ich wusste nicht mehr, wofür Lebensmittel sind. Das klingt dramatisch, aber es war ganz praktisch. Ich hatte für zwei gekocht seit meinen Zwanzigern."
Sie hat sich nicht in Arbeit gestürzt, obwohl sie Lehrerin war und leicht in Vertretungen hätte fliehen können. „Ich wusste: Wenn ich jetzt weglaufe, muss ich irgendwann wieder zurück. Besser jetzt gleich."
Das zweite Jahr war schwerer als das erste
Das erste Jahr hätten alle mitgetragen, sagt sie. Kinder, Freundinnen, Nachbarn. „Blumen, Karten, Einladungen zu Spaziergängen um den Max-Eyth-See." Das zweite Jahr sei stiller geworden, und damit ehrlicher. „Niemand erwartet mehr, dass man zusammenbricht. Und plötzlich merkt man, dass man das erst jetzt darf."
Sie hat in diesem Jahr mit einer Trauerbegleiterin gesprochen, einmal die Woche. Nicht wegen Depression, sondern, wie sie sagt, „weil die Sprache wegrutscht, wenn niemand zuhört".
Der Gedanke an einen neuen Mann kam ohne Pathos
„Ich habe eines Montagmorgens im Frühjahr 2022 gemerkt, dass ich das Frühstück gern mit jemandem teilen würde. Nicht mit Thomas. Mit jemandem, den ich noch nicht kenne. Das war ein zartes Gefühl. Ich habe es nicht zerdrückt."
Sie habe sich in der Szene für Trauernde, die wieder daten wollen, nicht aufgehoben gefühlt. „Manche Gruppen kultivieren die Trauer wie ein Ehrenabzeichen. Das war mein Thomas nicht. Er war praktisch."
Wie sie Matthias traf
Eine Freundin habe sie in ein Streichquartett-Abo im Kulturzentrum Theaterhaus mitgenommen. In der Pause sei ein Mann ihres Alters freundlich, aber nicht aufdringlich, über Brahms ins Gespräch gekommen. „Er hat nicht nach mir gefragt, wer ich bin. Er hat gefragt, was ich in der Langsamkeit des zweiten Satzes gehört habe. Das war ein Geschenk."
Drei Monate lang haben sie nur nach Konzerten Kaffee getrunken. „Ich hatte keine Eile. Er hatte auch keine. Er war geschieden, seine Tochter lebt in Zürich, er hat zwei Enkel." Erst im Herbst gingen sie zum ersten Mal außerhalb des Konzert-Rhythmus essen.
Was Matthias anders gemacht hat
„Er hat nie versucht, Thomas zu ersetzen. Nicht einmal im Scherz. Er hat gefragt, was ich von Thomas erzählen möchte, und er hat gewartet, bis ich das Tempo bestimmt habe." Er habe auch akzeptiert, dass sie Thomas' Wanderstöcke im Flur stehen lässt. „Sie gehören da hin. Das ist keine Konkurrenz."
Sie sagt ruhig: „Er hat kein Ego, das eine zweite Frau braucht, um sich zu bestätigen. Deswegen konnte ich eine zweite Ehefrau werden, ohne mich selbst aufzugeben."
Die Hochzeit war klein, und das war richtig
Standesamt Stuttgart, zwölf Gäste, Mittagessen im Weinstüble. „Keine Zeremonie, die größer war als das Leben. Wir wollten keine Replik unserer ersten Ehen. Wir wollten einen würdevollen Anfang."
Ihre Kinder, damals 31 und 28, seien nach anfänglichem Zögern da gewesen. „Meine Tochter hat eine Rede gehalten, in der sie Thomas einmal erwähnt hat, mit einem Satz, ohne Pathos. Das war wichtiger für mich als alles andere."
Was sie heute sagen würde, jemandem in ihrer damaligen Lage
„Keinen Kalender. Die Trauer hat kein Ende-Datum, aber sie hat Bewegungen. Wenn sie sich bewegt, gehen Sie mit. Wenn sie steht, stehen Sie. Und wenn sie Sie eines Morgens ein wenig vorausschauen lässt, ist das keine Untreue. Das ist Leben, das sich meldet."
Sie blickt zum Klavier. „Thomas hätte Matthias gemocht. Das weiß ich. Das ist kein Trost. Das ist eine Tatsache."
Nachwort
Ich habe die Wohnung gegen Abend verlassen, und im Treppenhaus ist mir klar geworden, warum Renates Geschichte so selten erzählt wird: weil sie ohne Drama auskommt. Das macht sie nicht weniger wahr. Es macht sie nur leiser. Und vielleicht, gerade deshalb, für jemanden, der mit einer ähnlichen Stille lebt, hilfreicher als jede laute Erlösungsgeschichte.